Seeds of Change Projekt
20.02. – 22.02.2026
Freitag
20.Februar 2026 – Der wildeste Schneefall, oder besser gesagt Schneesturm, in Graz beziehungsweise im Osten Österreichs – und noch viel schlimmer im Westen Ungarns. Warum das so schlimm ist? Nun ja, genau dieses Gebiet mussten neun saatguthungrige Teilnehmer:innen unseres „Seeds of Change“-Projekts an besagtem Tag durchqueren, um am diesjährigen Exkursionsort, der Kleinstadt Eger in Ostungarn, anzukommen.
Großzügig war die eingeplante Zeitspanne: Die Ankunft war gegen 14:00 Uhr vorgesehen, bei einer Fahrzeit von etwas weniger als 5 Stunden und 30 Minuten. Abfahrt war um 6:45 Uhr bei der Herz-Jesu-Kirche. Also knapp zwei Stunden Puffer – das sollte reichen, um pünktlich anzukommen und trotzdem ausreichend Pausen zu machen. Aber nicht an diesem Tag! In den ersten drei Stunden wurden gerade einmal 100 Kilometer auf der Autobahn geschafft, und die Ersten fragten sich, warum sie sich diesen Trip an diesem kalten, nassen Februarmorgen überhaupt angetan hatten.


„Das ist eine Kiefer.“ – „Das ist ’ne Fichte.“ – „Das ist schon wieder eine Kiefer, das erkennt ihr an der rötlichen Rinde, den langen Nadeln und daran, dass die Beastung eigentlich erst sehr weit oben beginnt.“ So wurden die dem Schneedruck zum Opfer gefallenen Bäume am Autobahnrand kollektiv identifiziert. Glücklicherweise ermöglichte das Fahrtempo von etwa 30 km/h eine sehr präzise Beobachtung der Autobahnvegetation.
Mit dreieinhalb Stunden Verspätung sollte das Potpourri aus saatguthungrigen, aber mittlerweile fahrtmüden Gemeinschaftsgärtner:innen, Neo-Bäuer:innen, Hofkollektivist:innen – und nicht zu vergessen Mona, einer zuckersüßen Hundedame, aufgewachsen in Paris und nun ihre Pension in der Nähe von Gleisdorf genießend – nach grausamen neun Stunden endlich in Eger ankommen.
Aber warum wurde diese beschauliche Kleinstadt im Osten Ungarns als Exkursionsziel gewählt?
Eger hat 50.000 Einwohner:innen, einen großen Altbaumbestand, der das Städtchen auffällig grün erscheinen lässt, eine historische Festung, die den Mongolen nicht, aber dafür den Osmanen standgehalten hat, und leider nur einen Gemeinschaftsgarten. Und wenn man sich im Ort umhört, versteht man auch sehr schnell, dass die rechtsextreme Stadtregierung nicht vorhat, diesen Mangel in naher Zukunft zu beheben.
Was Eger jedoch auch hat, ist ein wunderbares „Civil Közösségek Háza“, also ein Zivilhaus – ein dem Gemeinwohl gewidmetes Haus, das von Vereinen und Initiativen genutzt werden kann. In dieser kleinen Oase im sonst relativ konservativen Eger findet der wohl größte Saatguttausch der Region statt. So kam es, dass MAGHAZ-Urgestein Orsolya Máthé und Tibor Csathó, der Manager des Zivilhauses, eine Einladung genau zu diesem Anlass aussprachen.
Nun muss man wissen, dass Saatgutfeste in Ungarn anders ablaufen als in Graz. Während in Graz sehr viel verschenkt wird und Saatguterhalter:innen die Möglichkeit haben, sortenechte Samen zu verkaufen, steht in Ungarn tatsächlich die Tauschkultur im Vordergrund. Abgesehen davon ist Ungarn in Bezug auf Saatguterhaltung ein ausgesprochen spannender Fall: Es gibt viele kleine, dezentrale Saatgut-Hubs, zivilgesellschaftlich organisiert, und man hat das Gefühl, die Menschen kultivieren hier wirklich die Lokalsorten („Landraces“) ihrer Kindheit. Dafür gibt es kaum kleinbäuerliche Saatgutvermehrung.
Umgekehrt ist in Österreich eine mehr oder weniger entgegengesetzte Entwicklung zu beobachten: Durch die relativ große kommerzielle Verfügbarkeit von regionalem, samenfestem Saatgut werden Gärtner:innen ein wenig bequem, und die Saatguterhaltung im privaten Garten nimmt zumindest gefühlt ab.
Aber zurück zum Anfang. Als die Gruppe nach neun Stunden verspätet in Eger ankam, wurde sie mit dem begrüßt, was sich durch das ganze Wochenende ziehen sollte: Essen! Ausgezeichnetes, selbstgemachtes Essen aus den Gärten der ungarischen Kolleg:innen, lokale Spezialitäten und Erzeugnisse, die die Grazer Crew selbst mitgebracht hatte. Während die ungarische Gruppe also in einem Garten, den ukrainische Flüchtlinge angelegt hatten, Jungpflanzen setzte, hatte die Grazer Gruppe etwa zwei Stunden Zeit, kulinarisch überfordert zu sein, bevor sie von den ungarischen Projektpartner:innen zum gemeinsamen Abendessen abgeholt wurde.
Mit schweren Bäuchen fiel die Grazer Gruppe des Nächtens in ein tiefes Foodkoma.
Samstag
Es war abzusehen, wie der Samstagmorgen starten sollte – wie der Vorabend endete. Mit vollen Bäuchen und noch volleren Tellern. Diese verdammten, super gastfreundlichen und liebenswerten Ungar:innen! Selbstgebackene Sauerteig- und Powidel-Buchteln, Sauerkraut, Kimchi, Melanzanimus, Kombucha und und und … die Grazer:innen hatten keine Chance. Die Bäuche wurden größer, die Atemzüge kürzer und schneller.
Das Frühstück ist verspeist, Zeit, den Festsaal vorzubereiten, Tische in den ersten Stock zu tragen und endlich mal ein paar Kalorien zu verbrennen. Ein Hochgenuss. Die Graz-Gruppe will die Tische gar nicht mehr ablegen. Ein paar Teilnehmerinnen entscheiden sich mehrmals, mit demselben Tisch in der Hand die Treppen hinauf und hinunter zu gehen.
Als das Arrangement im Festsaal steht, treffen auch schon die ersten Saatguterhalter:innen ein. Außerdem sneaken sich die ersten gierigen Omis herein, obwohl die Veranstaltung noch gar nicht richtig begonnen hat.
Neben dem Grazer Tisch gibt es auch eine Gruppe vom MAGHAZ-Netzwerk, ein Pärchen aus Südungarn, das über 1000 Sorten Tomaten kultiviert und sich liebevoll selbst als „The Tomato People“ bezeichnet, eine Familie, die Teemischungen verkauft, The Star of the Show herself – Orsi – und eine Ansammlung wahnsinnig sympathischer, positiv verrückter rumänischer Saatgut-Omis. Der Leser verzeihe mir den Ausdruck „Omis“, ich lehne mich hier an die Beschreibung eines Archetyps an Saatguterhalter:in aus dem Buch „The Seed Detective: Uncovering the Secret Histories of Remarkable Vegetables“ von Adam Alexander an, in dem er von den Gemüsemarkt-Großmüttern als Hüterinnen der Agrodiversität schreibt, um zu unterstreichen, welchen Stellenwert diese Menschen für unsere Gesellschaft und unsere Ernährung haben.
Das Fest beginnt, Orsi hält eine Rede, der Bürgermeister hält eine Rede und dann eine Repräsentantin der nationalen ungarischen Saatgutbank. Bisher hat der Bürgermeister brav im Publikum durchgehalten, doch jetzt sieht er seine Chance und flieht aus dem Festsaal. Es ist Wahlkampf in Ungarn. An dieser Stelle betritt das Forum Urbanes Gärtnern die Bühne und erzählt von der Arbeit, die in Graz verrichtet wird, warum das Saatgutfest in Eger besucht wird und dass der Besuch und viele der wertvollen Projekte nur durch die EU möglich sind. Borbola Lipka, die das „Seeds of Change“-Projekt für die ungarische Gruppe managt, übersetzt für das Publikum.

©Hannah Charpin Ziegler.
In der Zwischenzeit wird der Graztisch von vielen Besucher:innen belagert, die Gruppe verteilt Samen vom Ölkürbis, roten Polentamais, Saatgut vom Palmkohl Nero di Toscana und die letzten Samentüten der krautfäuleresistenten Cherry-Tomate ‚Primabella‚.
Fast war es geschafft, das Fest fast vorbei, doch auf einmal wird es laut im Saal. Rumänische Volkslieder werden angestimmt und die „Omis“ packen Selbstgebrannten aus. Nachdem sie die Graz-Gruppe reich mit Saatgut beschenkt hatten, bestehen sie auf Fotos mit der Gruppe und sie beginnen, den Schnaps auszuschenken! Viele entziehen sich, manche scheitern.
Einladungen zum Tomatenfest nach Sibiu (Hermannstadt) werden ausgesprochen, die sich mehr nach einer Drohung anfühlen. Ablehnen – keine Chance.
Was für ein Saatguttrip nach Eger!








Nach dem Ende des Festes wurden die Tische gemeinsam zurückgeräumt und endlich gab es mal wieder was zu essen! Feinste vegane Vollkorn-Spinat-Lasagne und zum Abschluss ein Schokoladenmousse auf Kokos-Dattelboden. Zum Reinlegen.

Nach einem halben Kubikmeter Kaffee ging es dann zum Hinterhof des Zivilhauses, wo Tibor den einzigen Gemeinschaftsgarten in Eger vorstellte. 15 großzügige Hochbeete in der Verantwortung von 15 unterschiedlichen sozialen Initiativen! Probleme vorprogrammiert. So wehklagte er darüber, wie sein Beet immer wieder unkonsensuell gejätet wird und darüber, dass natürlich immer mal wieder Fremdbeerntung vorkommt. Der gute alte Community-Garten-Blues. Aber in Summe wird natürlich der gesellschaftliche Mehrwert hervorgehoben und von gemeinsamen Gartenfesten berichtet. Schön!
Es geht zurück in den Gemeinschaftsraum zum heiß ersehnten Abendessen. Es gibt Reste vom Vorabend, dem Frühstück und Mittagessen. Niemand ist wirklich hungrig, aber alle essen trotzdem. Auch am zweiten Tag sind die Butter-Croissants aus Sinabelkirchen noch herrlich und die Goumi-Marmelade (Elaeagnus multiflora) aus Kärnten gibt ihnen genau den richtigen Kick.
Mit eindeutigem Kalorienüberschuss werden nun Themen der Saatguterhaltung diskutiert. Die Teilnehmer:innen berichten von ihren liebsten Gemüsesorten, woher sie sie bezogen haben, warum sie sie erhalten und wie lange schon. Orsi erzählt von einer speziellen roten Paprika, Tibor von den Sonnenblumenkernen seiner Kindheit, Bori von Färbepflanzen, David von den schärfsten Chilis und davon, dass Schärfe das einzige ist, das er noch wirklich fühlen kann, Chrissi liebt Cocktailminze, Andreas erzählt irgendetwas von der winterharten Physalis-Spezies P. longifolia und Christoph berichtet so detailliert und lebendig von seiner Obsession von Rucola, dass es schon fast ins Erotische kippt.

Die wenigen nun wieder ausgenüchterten Opfer des rumänisch-österreichischen Freundschaftsrituales schauen ein bisserl traurig, Tibor liest ihren Blick und bringt zwei Flaschen lokalen Wein. Wusstet ihr, dass Eger ein berühmtes ungarisches Weinbaugebiet ist?
Die Nacht bricht ein. Am nächsten Morgen geht’s in die Outskirts von Budapest.
Sonntag
Es tröpfelt schon etwas, als die Führung durch den fast schon zu perfekt zonierten Permakulturgarten der Zero-Waste-Operation Grapoila beginnt. Grapoila ist eine Firma, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Abfallprodukte der Speiseölerzeugung in hochwertigen Lebensmitteln zu verwerten. Der Permakulturgarten ist ein Juwel, das zur Versorgung der Mitarbeiter:innen dient. Die Gruppe staunt und man glaubt der Firma den Anspruch, die Welt ein bisschen besser zu machen – oder zumindest zu versuchen, kein Teil des Problems zu sein. Besonders spannend war der Waldgarten. Im Unterwuchs der Obstgehölze wuchsen Asiasalate. Sanddorn, Goumi und Akigoumi versorgen ihre Umgebung, symbiotischen Frankia-Bakterien sei Dank, mit feinstem Luftstickstoff. Dazwischen tummeln sich diverse Ribes-Sträucher. Großartig.
Präzise erklärt die Gärtnerin die Permakultur-Prinzipien, die jeder Zone zugrunde liegen. Inspirierend.

Abschließend – wie sollte es anders sein – gibt es noch ein öliges Buffet mit den Produkten der Grapoila sowie Teemischungen aus dem Permakulturgarten. Ein Öl-Tasting sozusagen. Alles hervorragend! Nur das
Marillenkernöl ist ein bissl wild und erinnert an Obstler.
Nach warmen Verabschiedungen von der ungarischen Gruppe geht es für die Grazer Saatgutheld:innen mit verschmierten Mündern zurück nach Graz.
Was für ein wunderbares Wochenende. Bei der Rückfahrt redet man über das Erlebte, das getauschte Saatgut aus Ungarn und Rumänien und darüber, wie man sich freut, es im eigenen Garten zu kultivieren, anzupassen und mit anderen zu teilen.
Man nähert sich Graz, einsame Tränen kullern über Wangen. Kollektive Vorfreude auf den Besuch der ungarischen Gruppe im Herbst macht sich breit.









